„Dieser Planet ist die Hölle.“ Murray Lightburn spricht die Worte mit entschlossener Stimme. Die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen. „Wirklich. Die Hölle. Oder das Fegefeuer“, ergänzt er. „Es gibt keine Liebe und keinen Frieden auf diesem Planeten. Du findest sie höchstens in einem Reich irgendwo außerhalb.“
Für Lightburn ist dieses Reich die Musik. Er ist Stimme von The Dears. Einem Sextett aus Montreal, Kanada. In jedem ihrer Lieder stecken Gefühle aus anderen Welten. Ursprünglich, doch poetisch überhöht. Universell, doch einzigartig.
In der beschriebenen Welt sind keine Orte der Zuflucht mehr übrig. So lautet der Titel ihres neuen Albums „No Cities Left“. Die zwölf Lieder bilden ein Epos. Eine vielschichtige Klanglandschaft aus Dunkelheit, Lichtblitzen und einem wachsenden Hoffnungsschimmer am Ende. „Dieses Album hat das Konzept, dass es Hoffnung inmitten der Verzweiflung gibt“, erklärt der Sänger. „Die Welt ist in der Apokalypse, doch anstatt noch Gründen zu suchen, uns zu lieben, sind wir im Krieg.“
Die globale Unordnung wird durch den Wirbel der Klänge auf dem Album symbolisiert. Orchestrale Streicher und Bläser werden durchdrungen von der klassischen Gitarrenband-Besetzung. Dazwischen die klare Stimme von Lightburn. Sie steht mal im Kontrast zum Sturm der Klänge, mal schmiegt sie sich an die Melodie. „Ich sehe das Album als den zweiten Teil einer Album-Trilogie“, sagt Lightburn. Begonnen hat es 2000 in Kanada mit „End of a Hollywood Bedtime Story“. „Das erste Album ging um die eigene Apokalypse in einer Welt des urbanen Zerfalls. Dieses Album erreicht einen Ort, der noch weiter liegt.“
Ihren Ursprung haben die Dears 1995 in Montreal genommen. „Angespornt durch Zigaretten, literweise Bier und zu vielen Nächten, in denen wir Smiths-Platten überanalysierten“, erinnert sich Lightburn. Von der ursprünglichen Band ist nur noch der Sänger selbst übrig. Brit-Pop war groß, die Kopien der großen Bands wie Oasis und Blur waren zahlreich und blassten mit jeder Wiederholung weiter aus. Früher Songs klingen wie schlechte Blur-Kopien oder Pulp B-Seiten. „Aber diesen Einflüssen entwächst man, Idole müssen getötet werden.“
Zu einem bekennt sich Lightburn ohne zu zögern: zu Morrissey und den Smiths. „Ich bin ein großer Fan. Diese Musik strebe ich an.“ Man erkennt viel vom der Melancholie des Vorbilds in Lightburn. Schon der Ausdruck des Klangs der Stimme zeigt Ähnlichkeiten.
Und auch die Texte zeigen Parallelen. So wagt Lightburn den Pathos eines Morrisseys. Doch anders. Morrissey spielte mit seiner Unsicherheit und seiner Unterlegenheit, aber ließ stets das Selbstbewusstsein seines Widerstandes durchscheinen. Bei Lightburn sind die Aussagen so deutlich, dass man Ironie vermutet. Aber es gibt sie nicht.
So fiel Lightburn bei einem der ersten Konzerte der Dears 2000 auf der Bühne in Toronto auf die Knie und brüllte: „Es gibt keine Liebe.“ Ernst, keine Pose. Während Morrissey dem Dandy Oscar Wilde nacheifert, ist Lightburn ein schwermütiger Kämpfer. Ihre Musik soll „ein spirituelles Erwachen eines kollektiven Bewusstseins sein“. Ein bisschen wie Gott“ schiebt Lightburn nach und blickt ernst. Er sagt dies ohne Sarkasmus, denn er glaubt an seine Worte.
Stets existiert in ihrer Musik auch eine politische Ebene. So nahm die Band eine Single namens „Summer of Protest“ auf. Eine dunkle Aufforderung zum Widerstand gegen die Übermacht der Obrigen. „Ich sehe viel Unruhe in der Welt, viel Bedrohung. Und es ist furchteinflößend. Aber es gibt keinen Grund Angst zu haben. Denn die Leute, die kontrollieren, was wir sehen, wollen, dass wir Angst haben.“
Dagegen wollen sich die Dears wehren. Das Lied beginnt mit der Zeile: „This is a summer of protest ... force is a language they understand, and force we will use.“ Unzählige Male wird das Wort Revolution über dröhnende Polizeisirenen wiederholt.
Wie diese neue Welt aussehen soll, zeigt der Titeltrack des Albums, der gleichzeitig das Ende des Werkes bildet. Eine Art Epilog nach der „Postcard from Purgatory“ – der Postkarte aus dem Fegefeuer – der den gequälten Seelen wieder Hoffnung gibt. Die Zeile „Let's just keep fighting the end of the World. We will hold hands and we will make plans - for life.“ drückt aus, wofür die Dears stehen. Die Utopie der globalen Liebe. „Die Moral der Geschichte: Wir sollten uns einfach alle lieben. Das ist alles“, sagt Lightburn.
Das Album „No More Cities“ erscheint am 11. Oktober in Deutschland.
The Dears sind: Murray Lightburn (Gesang/Gitarre), Natalia Yanchak (Keyboards/Gesang), Patrick Krief (Gitarre), Valerie Jodoin-Keaton (Keyboards/Flöte), George Donoso III (Schlagzeug) und Martin Pelland (Bass).
The Dears auf Deutschland-Tour 10.11.2004 Köln (Underground) 13.11.2004 Berlin (Magnet Club) 14.11.2004 Hamburg (Tanzhalle)
Discographie 2000 End of a Hollywood Bedtime Story (Erstes Album) 2001 Orchestral Pop Noir Romantique EP 2002 Protest EP 2003 No Cities Left (Zweites Album)
Im Haus ihrer Träume ist der größte Raum mit Sicherheit das
Spielzimmer. Und für jedes Konzert richten sich CocoRosie diesen Ort
auf der Bühne ein. Dort liegen zwischen Gitarre, Harfe und Keyboard die
Schätze der Kinderzeit. Alles, was Geräusche von sich gibt. Ein
Feuerwehrauto, ein Gerät auf dem ein Zoo abgebildet ist, das Tierlaute
imitiert. Ein Aufnahmegerät für Kinderstimmen. Weiter hinten steht noch
ein Tisch mit weiteren Spielgeräten.
Dies ist die verspielte und verträumte Welt der Schwestern Sierra und
Bianca Casady. Aufgewachsen sind sie in Brooklyn. Doch irgendwann zog
es Sierra nach Paris, um dort Operngesang zu studieren. Schon bald, im
Herbst 2002, folgte ihre Schwester aus einer Laune heraus nach Europa
und suchte Unterschlupf. „Was willst du denn hier?“, soll die Ältere
gefragt haben, denn die Schwestern hatten sich Jahre nicht mehr
gesehen. Doch sie ließ Bianca ins winzige Apartment im 18.
Arrondissement, besser bekannt als Montmatre, einziehen. „Aber dann
kamen wir so gut miteinander aus, also blieb ich“, erzählt Bianca. „Es
war Schicksal“, ergänzt ihre Schwester. Musik war die Verbindung.
Dort richtete sich das Schwesternpaar auf engstem Raum ihr Traumhaus
ein. In den folgenden acht Monaten entstand ihr Album „La maison de mon
reve“. Zwölf zerbrechlich schöne Pop-Songs mit charmantem Lo-Fi-Zauber.
Zunächst lief der Kassettenrekorder fast immer mit. Dann wurde ein
4-Track-Rekorder angeschafft. Und nach zwei Monaten der Aufnahmen in
der Badewanne war das Album fertig.
„Es war alles sehr
ungezwungen, natürlich“, sagt Sierra. Bei der Inspiration half viel
Champagner. „Wir wollten, dass die Songs alle sehr unterschiedlich
werden“, erklärt Bianca. „Aber es sollte keine Planung geben.“ Die
Lieder haben einfache Grundstrukturen: Schlaflieder, Blues, Folklieder.
Und alles, was im Zimmer Geräusche machte, wurde auf der Platte
verewigt.
Heute steht dieses Zimmer im Wiener B72. Aber Sierra
ist zu spät. Schwester Bianca muss um Geduld bitten. Denn die ältere
Casady ist noch nicht vom Spaziergang mit dem Hund zurück.
Oft
ist eine der Schwestern inzwischen nicht allein. CocoRosie ist zur
Verbindung der beiden geworden. Der Name vereint ihre Kosenamen aus
Kindertagen. Diese Zeit scheint ohnehin noch in ihrer Musik
weiterzuleben. Naiv wirken manchmal ihre Texte, andere jedoch sehr reif
und direkt.
Als Sierra dann ankommt, setzt sie sich in den Stuhl
und nimmt die Gitarre zur Hand. Bianca greift eines der vielen
elektronischen Spielzeuge vom Boden. Auf diesem sind ein Polizeiwagen,
ein Hubschrauber, ein Flugzeug, ein Krankenwagen. Ein seltsam
metallisches Geräusch, das einer Sirene ähnelt, bricht die Stille. Dazu
beginnt Sierra die Gitarre zu zupfen.
In „Terrible Angels“ vereinen sich die beiden Stimmen zu einer. Biancas erinnert mangels besseren Vergleichs an Nelly Furtado, Sierra merkt man die Operngesang-Ausbildung an. Ein hoher, klarer Sopran voller Kraft. „Sie hat mir viel Nachhilfe gegeben“, sagt Bianca. „Endlose Stunden lang.“
In ihren Zeilen lassen CocoRosie ihre literarischen Einflüsse erkennen. Rilke, Rimbaud werden erwähnt. Später wird das Titelbild des Jean Génet-Romans „Miracle of the Rose“ an die Wand projeziert. Mit einem Diktiergerät wird die amerikanische Dichterin Maya Angelou nach Wien geholt. „I married a bad, bad man“ wird zur Einleitung des gleichnamigen Songs. Gespielt auf zwei Diktiergeräten und einer Gitarre. Dabei wandern die Geräte zwischen den Schwestern hin und her.
An anderer Stelle ersetzt ein Aufnahmegerät für Kinder den Sampler. Sierra singt eine Zeile, die auf Knopfdruck an den richtigen Stellen wiederholt wird. Am Ende begleitet eine winzige silberne Spieluhr den Fade Out. Alle ihrer Lieder brauchen Planung. Wer macht wann welches Geräusch. Das könnten die beiden gar nicht allein meistern. Also haben sie noch zwei Freundinnen dabei. Und nach jedem gelungenen Song strahlen CocoRosie. Vor Freude und Erleichterung.
Mit zartem Zupfen der Gitarrenseiten zu zarter Stimme beginnt „Good Friday“ und einer dieser naiven Texte, die nach mangelnder Erfahrung klingen: „I once fell in love with you, just because the sky turned from gray into blue.“ Und weiter: „I believe in St. Nicholas, it‘s a different type of Santa Clause.“
Ein zentraler Einfluss der Texte ist die Bibel. In Titeln wie „Madonna“ sowie den bereits erwähnten „Terrible Angels“ und „Good Friday“ setzen sich CocoRosie mit ihrem Glauben auseinander. Nicht selten ironisch gebrochen: „Oh Miss Madonna won‘t you let me underneath your halo ‘cause it‘s raining hard...You know I won‘t tell nobody that you‘ve been smokin cigars.“ Der Heiligenschein soll vor Regen schützen und Madonna raucht Zigarren.
Scheinbar kontrovers ist die Verwendung des Wortes „Nigger“ in „Jesus Loves Me“, doch genaueres Hinhören zeigt, dass CocoRosie die Geschichte eines alten Schwarzen zitieren: „Jesus loves me, but not my wife, not my nigger friends or their nigger lives.“ Die Umgangssprache ist hier lebendig. „Jesus loves me dat for sure, ‘cause the Bible tells me so.“
Die Bühnenwelt auf ihrer Weltbühne ist bevölkert von Figuren. So ist man sich auch nicht sicher, ob die Schwestern wirklich der Hausfrau aus „By Your Side“ entsprechen, die sich ihrem Mann vollkommen ergibt. „All I wanted to be was your housewife.“ Hier fühlt man sich sofort an Billie Holidays wehklagende Gesangsspuren erinnert. Dazu sagt Bianca: „Das ist ein Song, der auch schon vor uns existierte, dieses Leid wurde auch vorher schon besungen, und überhaupt haben wir alle uns selbst schon einmal in derart tragische Situationen manövriert, aus Liebe."
Aus Liebe kam es auch zu ihrer aktuellen Tour mit Devendra Banhart. Denn nicht nur musikalisch sind CocoRosie mit dem Folk-Barden verbunden. Banhart und Bianca sind ein Paar. Kann da eine Zusammenarbeit noch weit sein?
CocoRosie auf Tour:
12.10. München - Registratur (mit Devendra Banhart) 13.10. Berlin - Kalkscheune (mit Devendra Banhart) 23.11. Hamburg - Schlachthof (mit Antony and the Johnsons) 24.11. Köln - Gebäude 9 (mit Antony and the Johnsons) 25.11. Heidelberg - DAI Deutsch-Amerikanisches Institut (mit Antony and the Johnsons)
Laut Kasabian gibt es eine eindeutige Weise herausfinden, ob jemand Rock‘n‘Roll ist. „Schneidet euch die Venen auf und dann beantwortet mir die Frage: Blutet ihr Rock‘n‘Roll? Ist es in eurem Körper?, tönt Sänger Tom Meighan.
Man spielt halt gerne den harten Mann bei Kasabian. Schmeißt mit Fucks und Bullshits um sich. Denn Kasabian wollen „for real“ sein. Mit jeder Sehne ihres Körpers. Mit aller Macht. Rock‘n‘Roll soll in ihren Venen fließen, im Herzen pulsieren.
Ihre Vorbilder sind schnell ausgemacht. Es sind die musikalischen Helden der Arbeiterklasse in den englischen Midlands. Manchester-Bands wie Oasis, Primal Scream, Stone Roses und Happy Mondays. Doch anders als ihre Idole können Kasabian nicht auf das dauertrendige Manchester als ihre Heimatstadt verweisen.
Sie kommen aus Leicester. Eine Stadt, die sich bisher nicht mal einen Hauch von Aufmerksamkeit verdient hat. Es ist das Niemandsland. „Wir sind aus Leicester. Allein das wird uns auf dem Boden halten“, sagt Serge Pizzorno, Gitarrist, Keyboarder und musikalischer Kopf des Quartetts. „Der bekannteste Musiker der Stadt ist bisher Engelbert Humperdinck.“ So war sein „Release Me, Let Me Go“ wohl mehr ein Hilfeschrei, eine Bitte, die Stadt zu verlassen.
Kasabian fanden ihre eigene Form der Flucht. Sie zogen sich auf eine Farm nach Rutland zurück. Nur wenige Meilen von Leicester entfernt, doch eine Welt weit weg. Instrumente, Matratzen, Klamotten und Drogen. Mehr brauchten sie nicht. „Wir wollten einfach weg“, sagt Meighan. „Die neue Umgebung hat uns inspiriert.“
Da in der eigenen Stadt Idole fehlten, kopieren sie halt ihre Helden der City. So ist Sänger Meighan zu gleichen Teilen eine Mischung aus Ex-Stone Roses-Sänger Ian Brown und Oasis-Frontmann Liam Gallagher. Wenn er ein „Thank you“ in den Raum wirft, klingt das genau wie der jüngere Gallagher. Wenn er auf der Bühne mit abwesenden Augen, das Mikrofon in einer Hand haltend, den Körper verdrehend, herumstolziert, sieht man Brown.
Anfang der Neunziger, als Kasabian jung und beeinflussbar waren, löste Brit-Pop gerade die Madchester Rave-Szene ab. In ihrer Ahnengalerie der Coolness hängen neben Gallagher und Brown noch Bobby Gillespie von Primal Scream, Mani, Bassist und Bindungsglied zwischen Stone Roses und Scream und Verve-Anführer Richard Ashcroft. „Was uns mit Oasis, Scream und Stone Roses am meisten verbindet: Wir sind ganz normale Typen“, erklärt Meighan. „Wir sind das Salz der Erde.“ Zottelhaare, unrasiert. Bierdosen. Ein Fluchgewitter umgab sie. Cool as Fuck.
Ein Beatgewitter entsteht bei Konzerten von Kasabian. Umströmt von gleißendem Licht stolzieren die beiden Frontmänner über die Bühne. An Meighans Seite steht Pizzorno. Mit seinen langen Haaren und seinem Bart ist der Multi-Instrumentalist den Rock-Ikonen der 70er nachempfunden. Aber gerade er sorgt dafür, dass Kasabian keine reine Retro-Rockband sind. Seine Keyboards und Samples verzerren das glatte Rock-Bild. Psychedelische Sound-Teppiche schieben sich unter die Gitarren.
Der Opener „I.D.“ ist Breitband-formatiger Elektrorock. Zwischen Anfang und Set-Closer „Club Foot“ vergehen eine Albumlänge von 50 Minuten. „Primal Scream waren die Blaupause für die Musik der Zukunft“, sagt Meighan. „Sie lösten Kasabian aus. Wir nehmen die Gitarrensolos der 80er und machen den Bass zu einem der zentralen Instrumente.“ Rave in seiner urprünglichen Bedeutung ist wiederbelebt worden. „Wir finden eine Verbindung zu den Menschen“, sagt Pizzorno. „Die Leute gehen mit uns auf einen Trip.“
Die Performance von Kasabian riss auch Liam Gallagher mit. „Ihr habt was in der Hose“, sagte er ihnen gewohnt derb. „Ihr seid eine Gang und nicht ein paar Scheißstudenten. Eine richtige Band mit einer coolen Einstellung.“ Solche Verehrer sehen die Neulinge gern. „Liam hat sich einen Gig angeschaut“, erzählt Pizzorno. „Das war eine verdammt große Ehre, denn er blutet Rock‘n‘Roll.“ Blutsbrüder beim Vergleich ihrer Männlichkeit.
Aber sind Kasabian wirklich so hart, wie sie tun. Ihre Aussagen zeigen Widersprüche. „Unser Album ist über Liebe und Gewalt, die stärksten menschlichen Emotionen“, erklärt Pizzorno. „Viel Glaube und viel Leidenschaft steckt in unseren Songs. Wenn man predigt, muss man in sich selbst vertrauen.“ Gegensätze beherrschen also ihre Musik.
Diese finden auch ihren Ausdruck auf dem selbstbetitelten Debüt-Album. Neben Club-Hymnen mit Baggy-Tradition gibt es straighten Psychedelic-Rock. Aufgenommen auf der bereits erwähnten Plaggey Bag Ranch. „Unsere Songs beginnen auf einer Gitarre und Klavier“, sagt Pizzorno. „Dann schmeißen wir ein paar Loops dazu und mischen es auf dem Computer.“ Meighan: „Es baut sich wie eine Lawine auf und am Ende kracht alles zusammen.“
Kasabian sehen ihr Album als Kampfansage. Aber nicht politisch. Auch wenn ihr Logo eines vermummten Mannes andere Schlüsse zulässt. „Unser Logo wird oft als eine revolutionäre Einstellung missverstanden“, sagt Pizzorno. „Aber es steht einfach für jeden, der sein Leben lebt, indem er auf das hört, was er denkt.“ Meighan ergänzt: „Die Leute denken, dass wir eine politische Band sind, aber das stimmt nicht.“
Also kein Tiefgang. Keine Rock‘n‘Roll Revoluzzer. Der Umsturz muss noch warten. Bisher sagen Kasabian nur allen Langweilern den Kampf an. Wie es schon Oasis vor ihnen immer wieder gern taten. „Wir macht Kampfmusik“, verkündet Meighan. „Musik, die dich aufputscht und die gesamte Musikszene in Stücke reißen lässt.“
Wenigstens lassen sie die Behauptung, sie wären die beste Band der Welt. Oder? Überrascht der Erfolg? „Gar nicht“, sagt Meighan. „Es gibt nichts, was an uns heranreicht.“ Ein großes Maul ist halt wieder in. Meighan macht, wie Johnny Borrell von Razorlight, den Gallagher-Brüdern alle Ehre.
Leslie Feist gehört zu den Menschen, die faszinierend sind, ohne sich zu bemühen. Ihre Gesten sind klein und doch groß. Ihre Worte haben eine gewisse Leichtigkeit. Der Klang ihrer Stimme ist klar, mal zart und verletzlich, mal riesengroß und voller Lebensfreude.
Wenn sie auf der Bühne steht, scheint jede Faser ihres zierlichen Körpers von Euphorie erfüllt zu sein. Sie tanzt, sich im Rhythmus verlierend. Schwingt die Arme in der Luft umher, als wolle sie die Welt umarmen. Denn heute gehört diese Welt ihr. Dort ist sie zuhause.
Feist ist eine Vertreterin der musikalischen Globalisierung. Kanada, Berlin, Paris sind die Eckpunkte ihres Kosmos. Umhergetrieben ist sie von der Suche nach Neuem.
Ihre Live-Auftritte sind ein Ausdruck dieser rastlosen inneren Atmosphäre der Leslie Feist. Umgeben von ihren „garcons“, drei französischen Session-Musikern, die vorsichtig ihrer Stimme eine musikalische Heimat geben. „Ich habe sehr genaue Vorstellungen von der Einrahmung meiner Stimme“, erklärt Feist. „Ohne die Instrumente wirkt meine Stimme nicht. Sie sollen nicht nur Beiwerk sein, sondern Stimme und Instrumente bedingen sich gegenseitig.“
Manchmal begleitet sich Feist auch selbst. Dann vermehrt sie sich in einem Sampler voller Loops ins Vielfache. Ihr eigener Hintergrund, ihre eigene Begleitung. Denn es ist ihr erstes wirklich eigenes Projekt: Feist. So wie sie mit Nachnamen heißt. „In Kanada sind wir alle wie Truck-Fahrer und reden uns nur mit Nachnamen an“, sagt sie. „Seit 15 Jahren bin ich einfach Feist.“
Lange war die Sängerin aus Toronto nur Mitbewohnerin, Untermieterin bei anderen Künstlern. In Hotelzimmern auf Tour mit Gonzales, Wohngemeinschaft mit Peaches in Toronto, Mitschläferin in der Kommune Broken Social Scene, Hausgast bei den Kings of Convenience in Norwegen.
Doch in der Hamburger Markthalle ist sie heute Hausherrin. Ihre offene Art sagt: Kommt herein, fühlt euch wie zuhause. Wir haben eine Feier, aber es wird nicht einfach mit mir. Denn meine Emotionen sind groß und wollen Ausdruck.
So führt Feist ihr Publikum durch das Haus. Auf Folk gebaut, stilvoll mit Jazz-Elementen verziert, und immer wieder mit kleinen elektronischen Spielereien einzigartig gemacht. „Gatekeeper“ ist das verzauberte Schlafzimmer. „Mushaboom“ der verwilderte Pilzgarten. Und „One Evening“ das verträumte Kaminzimmer.
Entstanden ist die Blaupause im Keller eines Hauses in Toronto, wo Feist auf einem Vier-Spur-Gerät Gitarrenspuren hinterließ, aber ihre gerade verlorene Stimme schonte. Während sie sich als Sidekick durchschlug, ging sie im Winter 2002 mit Gonzales auf Europatournee. Gemeinsam ließen sie sich in Paris nieder, bearbeiteten die Rohfassungen und verliehen ihnen neuen Glanz. „Aber es war ganz und gar nicht sexy“, meint Feist. „Wir kamen im billigsten Hotel unter. Wir hatten ein winziges Zimmer, schoben die Betten so weit wie möglich auseinander. Es war Winter, es gab keine Heizung, wir zitterten vor Kälte.“
Bei den drei Studio-Sessions galt: Vergiss alles, was du kennst. „Wir haben zu Beginn die Regeln ausgemacht“, erzählt Feist. „Ich verbot Gonzales elektronische Instrumente zu benutzen. Und er forderte im Gegenzug: ‚Okay, Mädel-mit-Rock‘n‘Roll-Vergangenheit: keine Verstärker oder coole Gitarren. Also spielte ich das Album auf einer klassischen Gitarre mit Nylonseiten ein. Wahrscheinlich klingt es deshalb anders als alles, was ich bisher gemacht hatte.“
So entstand das Album „Let It Die“. Elf Tracks über 38 Minuten. „Wenn ich ehrlich bin und mich selbst analysiere, kann man die Platte als chilled folk jazz bezeichnen“, meint Feist. „Auch wenn ich eigentlich aus einem Rock-Umfeld komme, ist es ein ziemlich sanftes, melodisches Album. Rock‘n‘Roll mag die Absicht sein, aber er ist nicht wirklich auf der Platte hörbar.“
Auffallend ist die Stil-Mischung. „Wir sind von vielen verschiedenen Künstlern beeinflusst, deshalb gibt es viele unterschiedliche Stilarten“, erklärt Gonzales. „Es gibt Folk Songs, Disco Songs und Pop Songs.“ So covert Feist in Hamburg auch „See Line Woman“ von Soul-Sängerin Nina Simone.
Es ist nicht ihr einziges Cover. Auf dem Album finden sich noch Ron Sexsmiths „Secret Heart“ und „The Inside and Out“ von den Bees Gees. Letzterer erklärt sich aus ihrer Vergangenheit. „Als ich acht war, kam der Grease-Soundtrack raus und ich war ein großer Fan des Musicals. Es ist eine Erinnerung.“
Eigentlich ist ihre Herkunft aber der Punk Rock. Erst in ihrer elterlichen Heimat Calgary als Schülerband namens Placebo. Dann verlor sie nach vielen Touren ihre Stimme und ging nach Toronto. Dort wurde es ruhiger um sie. Daraus entstand 1999 ihr Solo-Debüt namens „Monarch“. „Das Album waren die ersten 15 Songs, die ich in meinem Leben geschrieben hatte“, sagt Feist. „Es gab noch keine richtige oder falsche Art zu schreiben. Es war wie Tagebuch-Einträge. Aber bald merkte ich, dass auch in den besten Songs Kleinigkeiten fehlten.“
Mit vielen Flügen über den Ozean erweiterte sich der musikalische Horizont immer weiter. Wandel wurde zur Konstante im Leben der Feist. Der Umzug nach Paris war „keine Flucht vor etwas, sondern einfach ein Übergang zu etwas Neuem.“ Neu wie „Let It Die“.
Und Feist ist noch nicht am Ende angekommen. „Ich habe schon genug Songs für ein neues Album“, sagt sie. Wohin es wohl diesmal geht?