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Es beginnt mit einem Duell. Auge in Auge. Energien steigen auf. Wer will sich verweigern? Wer will nur lässig den Kopf nicken lassen? Dicht drängt der versprengte Haufen zusammen. Starre Blicke auf die Bühne. Sieben Männer, unzählige Gerätschaften. An der hinteren Wand kauert lehnend der »Master of Ceremonies« für den Abend.

Noch verstummte nicht die Überbrückungsmusik. Bassschläge destrukturieren den puren Funk. Dann Beats, dann vereinen sie sich mit Keyboards und Samples zu einer Wand der Klänge. Drohend, nicht vereinend. Noch gespielt souverän zögert die Menge. Blicke, mehr verbindet sie nicht mit der Bühne.

Zeit die Verbindung herzustellen. Zuckend, drehend, sich verdrehend, nähert sich der Sänger. Mit schneidender Überbetonung atmet er ins Mikrofon: »Welcome, we are uh-uh-uh, pow-pow-pow, chk-chk-chk.« Wir kennen uns nicht. Er ist der Erste unter Gleichen. Wer das Mikrofon hält, hat die Macht. Die Macht die Welt zu verändern. Und so gebärdet sich Nic Offer auch. Aus seinen Gesten spricht: Seid ihr nicht mit uns, werdet ihr dies bald bereuen! Alle Widersprüche werden bald verschwinden.

Noch ist sein Hemd blau. Das wird sich bald ändern.

»!!!« ist ohne direkte Bedeutung und bringt jeden, der über sie spricht, in Erklärungsnot. Die drei Ausrufungszeichen sind die Zusammenfassung der kollektiven Kraft von sieben Musikern aus New York und Sacramento. Quer liegt der Geschmack, gerade fließt die Energie. Mitten ins Gesicht.

Ein Blick aus den weit geöffneten Augen, eben noch geschlossen, jetzt direkt vor ihnen der Sänger. Sein Gesicht bebt, sein Atem ist schwer, seine Stimme dröhnt aus den Lautsprechern. Nic Offer ist ein eigener Lautsprecher. Nicht Worte, mehr Gegrunze packt die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Schüttelnd, zitternd.

Aber dann: »Oh my God, did I just say that aloud?«. Die Eröffnungszeile der Single »Pardon My Freedom« gewährt schon einen Einblick in den Charakter der Songtexte als Gedankengebilde. Die Impulse werden direkt ausgesprochen. Freedom of Speech, U.S. Constitution: First Amendment. In ihrer Heimat eigentlich Grundrecht, wird es immer mehr eingeschränkt. Unbequeme Meinung sei unpatriotisch. Denn es herrsche Krieg.

Mit Punk-Attitüde brüllt Offer: »U can tell the president to suck my fucking dick.« Im amerikanischen Fernsehen wären das drei »bleeps«: bleep-bleep-bleep. Die Neudefinition des Bandnamens? Als gefährlich bezeichnen sie sich, die FBI solle sie besser auf ihre Liste setzen. So weit würde man nicht gehen, denn die Party steht im Mittelpunkt des Auftritts. Sie sehen nicht aus wie Weltveränderer. Schlabberige Shirts, zerwuschelte Frisuren. Aber auch Vergnügen ist bereits subversiv. Das Lachen, das haltlose Kreischen ins Gesicht der Obrigen.

In der Ausgelassenheit liegt die Gruppendynamik ihrer Musik. Wer am Anfang noch lethargisch herumstand, dem fährt die Musik in Beine, Arme, Nacken und bleibt schließlich im Kopf stecken. »The music takes over, the music takes control«. Housige Beats, Clash-Basslines, Bläsersätze, Funk-Gitarren. Endlose Jam Sessions. Die Ergebnisse sind Club-Hits wie »Me and Giuliani down by the school yard«. Die Fusion verschiedener Ideen, Stile und Ansichten in einem neunminütigen Gebilde. Der Ausdruck von sieben Musikern in einem demokratischen Kollektiv.

Der Song ist die perfekte Simbiose aus Party und Politik. In den Gedanken des ehemaligen New Yorker Bürgermeisters Rudy Giuliani war Vergnügen die Wurzel des Übels. Die Clubszene wurde als Herberge von Gewalt, Prostitution, Drogen gebrandmarkt. Durch den »Cabaret Act« fiel die Musikszene in ein Koma. Erst durch Oppostion von der Straße wurde sie wiederbelebt. »Giuliani‘s got his rules but we ain‘t no fools, let‘s break ‘em.« Wer jetzt noch wie ein Unwissender im Lied fragt: »What‘s so fucking great about dancing?« hat nichts verstanden.

Es ist die Dynamik der Gruppe, die während der Lieder ständig Instrumente und Plätze wechseln, die auf das Publikum überspringt. Und !!! fordern Teilnahme. Nur wer alles gibt, bekommt weitere Tanzimpulse. »Noch zwei Songs.« Ein enttäuschtes Geraune. »Hey, ihr müsst mir mehr zeigen, sonst habt ihr die Lieder nicht verdient.«

Die Luft ist getränkt von Schweiß, die Hitze wird unerträglich. Die niedrige Decke lässt keine Fluchträume mehr. Mit jedem Lied entlädt sich ein weiterer Energiestoß. Am Ende sind alle erschöpft und überzeugt. Die Attitüde des Abends lautet: »Like I give a fuck like I give a shit like I give a shit about about that fuck like I give a fuck about that motherfucking shit.« Wir sind auf einer Seite.

Links: http://www.warprecords.com/!!!/
http://brainwashed.com/!!!/news.html
http://www.warprecords.com/chkchkchk/video/



Ihr Name verwirrt. Diese Musik ist nicht kalt, grau und hart. Genauer gesagt hat sie so gar nichts mit dem Namensgeber Beton gemeinsam. The Concretes begannen, als drei junge Mädchen 1995 beschlossen, zusammen Musik zu machen. Ihre Heimat ist der urbane Dschungel. In den Betonwelten fanden sie die Inspiration: Zerbrochene Liebe, Einsamkeit, Kampf gegen die Routine.

Ihr animiertes Video zu »You Can‘t Hurry Love« zeigt Menschen in Häuserschluchten, eilend, flüchtend. Grau und schwarz-weiß herrschen vor, Farbe wird in diese Welt nur durch die Concretes gebracht. Ein Liebesengel verbläst mit seiner Trompete (nicht dem Bogen), farbige Liebesinspiration in die Straßen. Das Einheitsgrau verschwindet. Am Ende steht die Band unter Bäumen, die inmitten der Betonwüste gewachsen sind. Farbige Blüten treiben aus den Ästen. Eine pastorale Parallelwelt.

Es ist die Geschichte einer Flucht. Der Flucht aus der Monotonie. Und der Suche nach Schönheit und Liebe. »Es stimmt schon, dass wir eine Schwäche für Romantik, für Niedliches und Sonnenuntergänge haben«, sagt Sängerin Victoria Bergsman. »Aber es würde keinen Spaß machen, wenn das alles wäre, oder?«



Das ist es nicht. Es geht darum, Monotonie zu durchbrechen. Und dieser Prozess läuft durch ihr erstes Album »The Concretes«. Es beginnt mit der Einfachheit eines 4/4-Taktes. Langsam, schleppend gibt Schlagzeugerin den Rhythmus vor. Es bleibt stets die Grundstruktur unter den oft verspielten Melodien des 40-minütigen Werkes.

Für den Opener »Say Something New« werden The Concretes sofort mit den New Yorker Legenden Nico & Velvet Underground verglichen. Das minimalistische Schlagzeug, der zur Lethargie neigende Gesang. Doch bereits beim zweiten Lied »You Can‘t Hurry Love« wechseln das Tempo und die Stimmung. Plötzlich fühlt man sich an die »Wall of Sound« von Star-Produzent Phil Spector erinnert, die er für The Supremes oder The Ronettes in den 60er Jahren hochzog.

Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die musikalische Spanne der Gruppe. Dunkle, intensive Melancholie und bunte Pop-Fröhlichkeit. Ausgeschmückt wird die Musik durch großen Instrumentenreichtum. Bläser, Streicher, Harfe, Mandoline. Schon lange konnte das Trio ihren ambitionierten Sound bewältigen.

Also holten sie sich Hilfe. Denn aus der Keimzelle dieser Gruppe, Lisa Milberg (Schlagzeug), Maria Eriksson (Gitarre) und Victoria Bergsman (Gesang), erwuchs ein Kollektiv. Seit dem Jahr 2000 zählen die Concretes acht feste Mitglieder. Bei Live-Auftritten erhöht sich diese Zahl je nach Bedarf. Zum erweiterten Kreis gehört auch der schwedische Alt-Country Songwriter Nicolai Dunger.

Aber es dauerte neun Jahre bis zu dem ersten regulären Album. Die Platte selbst entstand jedoch in gerade einmal fünf Tagen. Zusammen mit Produzent Jari Haapalainen - bekannt durch seine Arbeit mit der (International) Noise Conspiracy - sperrten sie sich im The Aerosol Grey Machine Studio in Vallerem ein. Haapalainen durchbrach die strenge demokratische Struktur der Band. Aber so kamen die Aufnahmen schnell voran. »Wir nannten ihn ›Little Führer‹, um es ihm heimzuzahlen«, erinnert sich ein Mitglied der Concretes.

Viel Arbeit steckt die Band auch in die Videos und Plattencover. Die Animationsvideos werden selbst gemalt und aufgenommen. Auffallend ist dabei der Leopard, der auf jeder Platte zu finden ist. »Er repräsentiert unsere Musik«, sagt Drummerin Lisa Milberg. »Er wirkt niedlich und romantisch, aber es lauert etwas darunter. Alles ist nicht nur Sonnenschein und Schönes, es gibt etwas, dass sich an dich anschleicht.« Ein besseres Wappentier hätten die Concretes nicht finden können. Geschmeidige Bewegungen, der Blick ist geheimnisvoll, verschlossen die Bedeutung.

Aber es ist nicht die einzige Katze auf dem Album. Im Song »Chico« geht es um eine sprechenden Kater. »Chico ist mein Kater und ein Wahrsager«, sagt Sängerin Victoria. »Er sagt mir andauernd Dinge.« Anscheinend sind es die Richtigen.


Ihr selbstbetiteltes Album ist zwar nicht in Deutschland erschienen, aber als UK-Import erhältlich.

The Concretes sind: Martin Hansson – Bass, Lisa Milberg – Schlagzeug, Daniel Värjö – Gitarre, Maria Eriksson – Gitarre, Victoria Bergsman – Gesang, Per Nyström – Orgel, Ulrik Karlsson – Bläser, Ludvig Rylander – Bläser.

Discographie:
EP #1 (5 Lieder): 1998
EP #2 (a.k.a. The Lipstick Edition. 6 Lieder): 1999
LP »Boyoubetterunow«: 2000 (Zusammenstellung der EPs)
EP #3 »Nationalgeographic« (6 Lieder): 2001
Single »Forces« (2 Lieder): 2002
Single »You Can't Hurry Love» (2 Lieder): 2003
LP »The Concretes«: 2003, in den USA und Großbritannien 2004 veröffentlicht.
Single »Warm Night« (2 Lieder): 2003
Single »Say Something New« (4 Lieder): 2004
Single »You Can't Hurry Love» (3 Lieder): 2004

Links:
http://www.lickingfingers.com/
Website des Plattenlabels der Band

http://www.emirecords.co.uk/concretes/theconcretes/index.php
Liebe E-Cards der Band

http://www.astralwerks.com/the_concretes/main.html
Weitere Band-Site mit Hörproben

http://www.nicolaidunger.com/
Website des Kollaborateurs